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Matthias Schrappe
Lesen
‘Meine geniale Freundin’ und ‘Die Geschichte eines neuen Namens’ von Elena Ferrante, aus dem Italienischen von Karin Krieger, Suhrkamp, Berlin 2016 und 2017, ISBN 978-3-518-42553-4 und 978-3-518-42574-9 (06.02.2017) Die Bücherstapel wachsen weiter, aber dieses Buch kommt nicht oben drauf. Gestern Nacht ferig gelesen, obwohl es der zweite Band ist - der sogenannten Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante. Der erste Band (”Meine geniale Freundin”) war ja auch schon gut, aber man war ziemlich abgelenkt durch das ganze Mediengewitter, wollte doch der investigative Journalismus offensichtlich mit Gewalt in das Literaturfeuilleton einheiraten. Es wurde ja weniger über das Buch berichtet als über die unbedingt notwendige De-Anonymisierung der Autorin, die bisher in aller Ruhe ihrer schriftstellerischen Neigungen nachgegangen war. Und was für eine Schriftstellerei, detailreiche Schilderung, Neapel, Mädchenjugend 50er Jahre, das Viertel Rione, frühe Mafia, für die ganzen Namen der verschiedenen involvierten Familien lag eine Art Begleithilfe bei, aber man konnte auch einfach drüber weg lesen und den Elan dieser Schriftstellerin und ihrer Story genießen. Es geht um die Ich-Erzählerin, Lenú, und ihre ziemlich komplizierte, eben “geniale” Freundin Lina, die wie soll man sagen eine ziemlich Realitäts-nahe Lebensorientierung aufweist und aber auch gar nichts auslässt. Etwas Konkurrenz, wer ist die Klügste, wer ist die Schönste, wer heiratet am besten und ob überhaupt, tiefe Freundschaft, und das Ganze in eine soziale Wirklichkeit hineinkomponiert, die keinerlei Gefühlsduselei, aber auch keinen literarischen Katastrophentourismus draus macht. Gut. Und dann kam vor Kurzem der 2. Band, “Die Geschichte des neuen Namens”, denn Lina hatte geheiratet. Die Feuilletons setzten zum Verriss an, was soll das Alles, was will uns die Autorin eigentlich erzählen, geht es hier um Politik, um Emanzipation, um eine Frauengeschcihte, um was eigentlich. Und irgendwie lässt man sich davon ja doch beeindrucken, also wenn das Buch eines Abends nicht so dagelegen hätte, hätte man es vielleicht schon mal ins Regal gestellt, für “später”. Aber es hat sich gelohnt, es handelt sich um einen der Fälle, in dem das Nachfolgewerk noch deutlich besser ist als der erste Band. Die beiden Mädchen werden zu jungen Frauen, Liebe und Enttäuschung, sie geraten unter die Räder, gewalttätige Männer, Armut, Reichtum, das völlig fremde Feld der Politik, Abstieg und Aufstieg, das Hoffen auf Bildung, soziales Stigma und dabei bleibt die Geschichte wirklich un-vorhersehbar in ihren Wendungen. Bis zur letzten Zeile. Also lesen. Und auf den nächsten Band warten, es kommen ja noch zwei. Übrigens: ein reines Frauen-Buch.
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